Wir möchten den Nachruf von Friedemann Schulz von Thun für Inghard Langer und die Todesanzeige seiner Familie mit allen Menschen teilen, die anteil nehmen möchten.

 

 

Prof. Dr. Inghard Langer – ein Nachruf

 

Wer sich nach einer Universität mit menschlichem Antlitz sehnt, in der das Forschen, Lehren und Studieren mit tragfähigen, respektvollen und ermutigend zugewandten Beziehungen einhergeht, der wird bei dem Tod von Inghard Langer von besonders tiefer Trauer erfüllt sein. Sein wissenschaftliches Werk, sein Wirken am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg war von der Haltung beseelt: „Beziehung trägt!“

Inghard Langer starb am Neujahrstag 2013 im Alter von 69 Jahren an den Folgen eines erneuten Schlaganfalles. Seinen bereits angedachten und zum Feiern geplanten  70. Geburtstag in diesem Jahr 2013 sollte er nicht mehr erleben.

 

Prof. Dr. Inghard Langer, geboren 1943 in Brünn (damals in Mähren), mit dem Schicksal einer von Krieg und Flucht geprägten grauenhaften frühen Kindheit, studierte Psychologie in Freiburg und Hamburg von 1964-1969. Er promovierte bei Reinhard Tausch über Verständlichkeit von Lehr- und Informationstexten, wurde 1969 sein Assistent und leitete an diesem Lehrstuhl eine der vier Abteilungen in der Klinischen und Pädagogischen Psychologie, und zwar die (Forschungs-)Methodenlehre. Von hier aus beriet und betreute er unzählige Doktoranden und Diplomanden bei ihren Forschungsarbeiten zur Gesprächs- und Verhaltenstherapie, von der Handhabung der Lochkarten bis hin zu Rotationsempfehlungen für Faktorenanalysen. Für viele ein unsicheres Terrain, er aber kannte sich aus. Seine eigenen Bücher zur Verständlichkeit (1974) und zur „Messung komplexer Merkmale in Psychologie und Pädagogik“ (1974, Reprint 2007) stammen aus dieser Zeit. Besonders sein 4-dimensionales Konzept der Textverständlichkeit hat seine Bedeutsamkeit als „Hamburger Verständlichkeitsmodell“ bis heute erhalten – „Sich verständlich ausdrücken“ ist 2011 in neunter Auflage erschienen.

 

1977 wurde Inghard Langer Professor an seiner Universität in Hamburg, nachdem er einen Ruf auf eine ordentliche Professur für Pädagogische Psychologie in Dortmund erhalten und abgelehnt hatte. Im Psychologischen Institut III gründete er eine neue Abteilung mit dem ungewöhnlichen Namen „Persönlichkeitsförderung in Gruppen“(PfG). – Was hatte es damit auf sich? Inghard Langer war überzeugt und geradezu beseelt von der personenzentrierten Haltung von Carl Rogers, die ihm über seinen „Meister“ Reinhard Tausch zugänglich geworden war, ferner vom Themenzentrierten Interaktionellen System (TZI) von Ruth Cohn. Sie persönlich wurde ihm zur zweiten Lehrmeisterin. Beide, Carl Rogers und Ruth Cohn, sind Ehrendoktoren des Fachbereiches Psychologie; die Verleihung der Ehrendoktorwürde an Ruth Cohn 1979 hatte Inghard Langer initiiert und ermöglicht.

 

Die auf den geistigen Grundlagen dieser Humanistischen Psychologie gegründete Abteilung leitete Inghard Langer bis zu seiner Pensionierung 2008. Sein Credo und das Gründunganliegen dieser Arbeitsgruppe: Wissenschaftliche Erkenntnisse und professionelle Konzepte/Werkzeuge sind im Bereich der menschlichen Entwicklungsförderung nur dann von Wert, wenn sie getragen sind von und einhergehen mit gelebter Menschlichkeit und  Mitmenschlichkeit auf der Beziehungsebene. Damit steht und fällt alles. Um es aber zum „Stehen“ zu bringen, können und sollten wiederum wissenschaftliche Erkenntnisse und Handlungsorientierungen beitragen.

Hunderte von Diplom- und Doktorarbeiten zu diversen existentiellen Themen bilden die Erntefrüchte dieser Jahrzehnte, siehe www.inghard-langer.de ( Anm. d.R: Link ist nicht mehr verfügbar ). Seine bevorzugte Forschungsmethode war nun qualitativ geprägt und folgte der Maxime von Carl Rogers, dass das Allgemeine am besten im sehr Persönlichen entdeckt werden könne. Inghard Langers Monographie „Das Persönliche Gespräch als Weg in der psychologischen Forschung“ (2000) stellte den methodischen Kompass für viele Arbeiten.

Mehrere Generationen von Hamburger Psychologiestudenten waren in seinem Arbeitsbereich „zuhause“. Inghard Langer war überaus beliebt und geachtet bei seinen Studentinnen und Studenten, und dies sicher nicht nur, weil er zuweilen ein großes Herz auch und gerade für diejenigen hatte, die sich mit einigen Leistungsanforderungen des Studiums schwer taten. Inghard Langer war auch der Betreuer meiner Diplomarbeit gewesen und ich kann aus eigenem Erleben bezeugen: es war beglückend, von diesem Lehrer etwas (verständlich!) erklärt zu bekommen – jetzt fiel endlich der Groschen! Und vielleicht noch  beglückender war, als Massenstudent so individuell wahrgenommen und ermutigt zu werden! Inghard hatte, so möchte ich es einmal ausdrücken, den „Schwanenblick“: er sah weniger das hässliche junge Entlein, das vor ihm stand, stattdessen immer schon den stolzen Schwan, der aus ihm einmal werden könnte, werden sollte.

 

Inghard Langer, engagierter Professor und leidenschaftlicher Familienmensch zu gleichen Teilen, hinterlässt neben seiner Frau, der Psychotherapeutin Angelika Arndt-Langer, vier Kinder aus erster und zweiter Ehe sowie fünf kleine Enkelkinder. In seinem ebenso klugen wie anregenden Buch „Jugendliche begleiten und beraten“ (2. Aufl. 2011) gelang ihm die Zusammenführung des Professors und des Vaters in einer Coautorenschaft mit seinem ältesten Sohn Stefan, gleichzeitig die beachtenswerte Zusammenführung einer psychologischen und einer sozialpädagogischen Perspektive.

 

Ein weiteres Opus Magnum  hat Inghard Langer vor 10 Jahren herausgegeben, es heißt „Menschlichkeit und Wissenschaft“ – ein Titel, der seine eigene gelebte Botschaft enthält. Hier aber handelt es sich um die Festschrift für seinen Lehrherren, für Reinhard Tausch zu seinem 80. Geburtstag. Gleichzeitig findet sich  darin ein intensives Gedenken an Anne Marie Tausch. Mit beiden war Inghard ganz eng verbunden; bis vor einem Jahr noch machte er Coleitung zusammen mit dem inzwischen 90jährigen Reinhard Tausch bei der regelmäßigen Durchführung von dessen Lehrauftrag. Diese lebenslange Loyalität des Herzens lag in seinem Wesen.

 

Inghard Langers Werk bleibt uns erhalten – den Kollegen, den Doktorvater, den Freund werden wir vermissen. In Eingangsportal unserer Universität Hamburg steht: „Der Forschung – Der Lehre – Der Bildung“. Inghard Langer war ein unermüdlicher Forscher, ein sehr besonderer Lehrer und ein passionierter Entwicklungshelfer der Persönlichkeit. Er war ein Meister dieses Dreiklangs! Es fällt schwer, ihn gehen zu lassen.

 

Hamburg, im Januar 2013, Friedemann Schulz von Thun